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Hintergründe und Auswirkungen häuslicher
Gewalt |
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Bericht einer Frau deren Partner damit drohte, die Stieftochter zu vergewaltigen
Bericht einer Frau, die während der Schwangerschaften misshandelt wurde
Bericht einer Frau, die zum gewalttätigen Partner zurückgegangen ist
| Frau M., 39 Jahre alt | verheiratet, 1 Sohn | Beamtin, Vollzeit arbeitend |
Nach jahrelanger psychischer und physischer Misshandlung flüchtet Frau M. mit ihrem 14-jährigen Sohn Sven in ein Frauenhaus. Die Misshandlungen der Mutter gingen vom leiblichen Vater Svens aus, welcher alkoholabhängig ist.
Nach Gewaltausbrüchen seines Vaters versuchte Sven mehrfach seine Mutter dahingehend zu bestärken, den Vater zu verlassen, auch wenn sie dadurch ihr Eigenheim mit dazugehörigen Garten und Hund verlassen müssten. Er unterstützte seine Mutter aktiv bei ihrer Flucht ins Frauenhaus und lehnte jeglichen Kontakt zum Vater ab. Diese ablehnende Haltung von Sven wurde vom Vater nicht akzeptiert. Dieser lauerte Sven ständig auf, beispielsweise vor der Schule, um Sven negativ gegenüber der Mutter zu beeinflussen, aber auch um ihn zu beschimpfen.
Durch diesen psychischen Druck, wurde Sven im Laufe der Zeit zunehmend aggressiver, auch gegenüber seiner Mutter. „Er galt bereits als 12- bis 13-jähriger in der Nachbarschaft als eigensinnig und aggressiv, wenig gesprächsbereit, eher abweisend und zurückgezogen.“ In der Schule fiel er leistungsmäßig derart ab, dass er die neunte Klasse wiederholen musste.
Dieser Druck wurde durch ein Gefühl der Überforderung in seiner Rolle als Partnerersatz der hilflosen Mutter und in seiner Beschützerrolle gegenüber der Mutter, wenn der Vater gewalttätig wurde, aber auch durch die eigene Angst, die er verdrängen wollte, immer weiter aufgebaut. Sven verbündete sich zunehmend mit seiner Mutter gegen den Vater, da er wütend über dessen Verhalten war, auch wenn er ihn ebenso liebte.
Sowohl den Kontakt zum Jugendamt als auch zum Frauenhaus lehnte Sven ab. Er empfand es als Niederlage „fremde Hilfe“ anzunehmen. Seine Mutter konnte ihm nichts mehr recht machen, so dass sich Sven auch ihr gegenüber zunehmend zurückzog.
Bereits nach relativ kurzer Zeit im Frauenhaus, suchte sich Frau M. eine eigene Wohnung, hielt jedoch weiterhin im Rahmen von Nachsorgegesprächen den intensiven Kontakt zum Frauenhaus aufrecht. In das Eigenheim konnten sie und ihr Sohn nicht zurückkehren, da dieses aufgrund der Zahlungsunwilligkeit ihres Mannes zwangsversteigert werden musste. Nach dem Umzug wurden Svens Gewaltausbrüche gegenüber der Mutter und gegenüber gleichaltrigen Mitschülern massiver. Er besuchte die Schule nur noch relativ selten uns seine Mutter konnte kaum noch Zugang zu ihm finden.
In der Folgezeit wurde Sven wiederholt aufgrund von Diebstahlsdelikten von der Polizei nach Hause gebracht. Außerdem verletzte er sich bei seinen „Touren“ oftmals so, dass er Knochenfrakturen erlitt. Wie es zu diesen Verletzungen gekommen ist, verschwieg Sven seiner Mutter. Diese vermutete neben den kriminellen Aktivitäten auch einen Drogenkonsum ihres Sohnes. Freunde suchte sich Sven eher in älteren Jugendlichen. Er trägt sich mit dem Gedanken, die Schule ganz zu verlassen.
Einige Monate später schoss er mit einem Luftgewehr auf dem Pausenhof auf eine Mitschülerin und verletzte sie. Bisher haben die Ermittlungen noch nicht ergeben, ob er vorsätzlich handelte. Auch die näheren Tatumstände sind noch nicht bekannt.
Frau M. plant jetz in Zusammenarbeit mit ihrer Frauenhausbetreuerin einen Wechsel Svens von der Realschule in eine ihm besser erscheinende Ausbildungsform, zum Beispiel bei einem Bildungswerk, in der Hoffnung das dieser sich eventuell dort „ein wenig mehr erwachsen fühlen wird’, was wiederum seine Motivation stärken soll. Die Zielsetzung für Sven ist aber vor allem der Abschluss der 10. Klasse und eine anschließende Berufsausbildung.
| Marianne, 21 Jahre alt | ein Kind | z. Z. in Ausbildung |
Marianne war das einzige Kind ihrer Eltern. Ihre Mutter war bei der Geburt erst 20 Jahre alt, der Vater 15 Jahre älter. Für ihren Vater war es bereits die zweite Ehe. Aus dessen erster Ehe hat Marianne vier Halbgeschwister, 3 Halbbrüder im Alter zwischen 39 und 36 Jahren und eine 35-jährige Halbschwester. Obwohl diese zweite Ehe bereits wieder nach einem halben Jahr geschieden wurde, lebten die Eltern von Marianne auch weiterhin zusammen.
Ihr Vater war Alkoholiker. Marianne erinnerte sich, mit vier Jahren eine erste Gewalttätigkeit des Vaters der Mutter gegenüber miterlebt zu haben. Daraufhin zogen Mutter und Tochter in eine eigene kleine Wohnung, wobei der Vater immer wieder kam, alkoholisiert war und gewalttätig der Mutter gegenüber wurde. Die Mutter führte zum damaligen Zeitpunkt eine neue Beziehung zu einem anderen Mann.
Als Marianne sechs Jahre alt war, beging ihr Vater Selbstmord. Sie erinnert sich, dass ihr Vater sich am Tag vor seinem Tod von ihr verabschiedet hat, indem er ihr ein weißes Handtuch mit drei roten Herzen schenkte. Heute sieht sie dies „als Symbol für Blutstropfen auf dem weißen Handtuch.“ Für Marianne entzog sich ihr Vater durch seinen Suizid einfach der Verantwortung der Familie gegenüber.
Deshalb könne sie auch verstehen, dass ihre Mutter sie „als im Wege betrachte, denn diese zog plötzlich aus der gemeinsamen Wohnung aus, um bei ihrem neuen Freund zu leben.“ Diese Ablehnung der Mutter verstärkte das während der gesamten Kindheit verstärkte Gefühl, im Grunde nicht liebenswert und daseinsberechtigt zu sein. Dabei wünschte sich Marianne nichts sehnlicher, als von ihrer Mutter in den Arm genommen zu werden: „Ich würde ihr alles verzeihen.”
Daraufhin zog die Großmutter mütterlicherseits mit in die bisherige Wohnung. Da diese geistig behindert ist, kümmerte sich Marianne bereits im Grundschulalter vorrangig um den Haushalt sowie den „Schriftkram“. In dieser Zeit erfuhr sie von familiär Außenstehenden, dass ihr Vater auch eine sexuelle Beziehung zu ihrer Großmutter unterhalten hatte. Als sie 14 Jahre alt war, gelang es Marianne die Mutter auf diese sexuelle Beziehung des Vaters zur Großmutter anzusprechen. Diese zeigte sich nicht überrascht. Sie bestätigte dies eher.
Als Marianne 15 Jahre alt war, waren ihre unkontrollierbaren Aggressionsausbrüche der Grund für einen mehrwöchigen Psychiatrieaufenthalt. Nachdem ihre Mutter sie aus der Klinik geholt hatte, wohnte das Mädchen wieder bei ihr. Sie erreichte die Mittlere Reife und befindet sich derzeit in einer überbetrieblichen Ausbildung bei einem Bildungsträger zur Einzelhandelskauffrau. Ihre vorherige Ausbildung als Backwarenverkäuferin musste sie aufgrund der Insolvenz der Bäckerei abbrechen.
Als Marianne 18 Jahre alt war, lernte sie Paul kenne, ein Jahr später wurde ihr Sohn Max geborenen. In dieser Zeit war Marianne glücklich. Zum ersten Mal erfuhr sie „so etwas wie menschliche Wärme”. Doch dieses Glück hielt nicht lange an. Bereits während ihrer Schwangerschaft verschlechterte sich die Beziehung der beiden zukünftigen Eltern. Sie beendeten ihre Beziehung beide im gegenseitigen Einverständnis. Zu Max Vater hat sie noch heute einen guten Kontakt hat und erhält auch regelmäßig ihre Unterhaltszahlungen. Ab und zu verbringt Max sogar seine Nachmittage bei seinem Vater.
Die Trennung war erneut ein herber seelischer Schlag für Marianne. Zum einen wollte sie ihrer Mutter gegenüber beweisen, dass sie es „als Mutter nun besser mache”, zum anderen definierte sie sich erneut als „wertloses, ohnmächtiges und ungeliebtes Objekt der Affekte und Bedürfnisse anderer.” Dieser Effekt wurde dadurch verstärkt, dass der Säugling immerzu schrie, häufig die Nahrung verweigerte und von Beginn an keinen Blickkontakt zu seiner Mutter aufnahm, was er auch heute noch nicht tut. Für Marianne wurden dadurch ihre großen Hoffnungen auf einen Neuanfang maßlos enttäuscht. Selbst der eigene Sohn schien sie „abzulehnen und andererseits zu vereinnahmen”.
Es kam zu einer Wiederholung der Szenen aus ihrer eigenen Kindheit. Sie schrie ihren Sohn an und verbannte beispielsweise sein Bett aus ihrem Zimmer, um nachts nicht von ihm gestört zu werden. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn war stets durch heftigste Machtkämpfe gekennzeichnet – um das Schlafen, das Trinken, um das Sauberwerden. Diese aggressiven Ausbrüche ihrem Kind gegenüber verstärkten wiederum das grundlegende Wertlosigkeitsgefühl von Marianne.
Wenige Wochen nach der Trennung von Max Vater lernte Marianne Hans kennen. Sie bezogen innerhalb kürzester Zeit gemeinsam eine 3-Zimmer-Wohnung. Zwar war die Beziehung der beiden auf sexueller Ebene „immer wunderbar, ganz toll”, aber ansonsten fehlten in dieser Beziehung, was das Zusammenleben angeht, die Grenzen. Häufig spionierten sie sich gegenseitig nach und begegneten sich misstrauisch, sei es nun im Umgang mit anderen Männern oder Frauen oder auch im Umgang mit den jeweiligen Eltern nach dem Motto „Wer hat was, wann, zu wem hinter dem Rücken des anderen gesagt.”
Dies ist auch der Grund für mehrmalige Trennungen der beiden mit vollkommenem Kontaktabbruch, doch litten beide bereits nach kurzer Zeit sehr unter der Trennung. „Wenn wir uns gegenseitig übel beschimpften, war uns wenige Wochen später immer wieder bewusst, dass wir uns doch noch liebten.” Die Schuld an den Streitigkeiten schiebt Marianne immer auf anderen „indem sie sich einmischen und Intrigen spinnen”.
Nach der letzten Trennung von Hans lernte Marianne mit 21 Jahren einen acht Jahre älteren Mann kennen und ging eine neue Beziehung mit ihm ein. Doch aus ihr unerklärlichen Gründen verlor sie plötzlich das Interesse an ihrem neuen Freund und suchte wieder intensiven Kontakt zu Hans, trotz der sie quälenden Gedanken an die Gründe der letzten Trennung. Dieser erneute „Rückfall“ ging soweit, dass Marianne ihn regelrecht mit ihrem Auto verfolgte und in ihrer Eifersucht sich bei gemeinsamen Bekannten nach seinem Handeln und seinen derzeitigen Frauenkontakten erkundigte.
Nach der Trennung von ihrem letzten Freund ging Marianne für einige Zeit in ein Frauenhaus und anschließend in eine Familientherapie, um ihre eigenen negativen Erfahrungen aus der Kindheit zu verarbeiten, ein eigenes Selbstwertgefühl zu entwickeln und somit vielleicht später auch eine Beziehung zu einem Mann, aber vor allem zu ihrem Sohn Max aufbauen zu können.
Heute lebt sie mit ihrem Sohn in einer eigenen 2-Zimmer-Wohnung.
| Frau St., 42 Jahre alt | einmal verwitwet, einmal geschieden | 7 Kinder, davon 2 im Haushalt lebend | Sozialhilfeempfängerin |
Frau St., eine Witwe mit 7 Kindern, heiratete 1997 in die in Deutschland lebende türkische Familie A. ein. Zuvor hatte sie nach dem Tod ihres ersten Mannes eine Beziehung zu einem gewalttätigen Mann, welcher durch den ersten Aufenthalt Frau St. in einem Frauenhaus ein Ende gesetzt wurde. Sie heiratete, damit ihre Kinder einen Vater hätten. „Wenn er mich auch nicht gerne hat, aber zumindest ein Vater, der die Kinder gerne hat. Das war bei mir das A und O. Erst die Kinder und dann ich.” Die nächsten Jahre verbrachte Frau St. abwechselnd bei ihrem zweiten Mann, im Frauenhaus, in einer eigenen Wohnung oder bei der Mutter.
Grund hierfür waren die unterschiedlichen Lebensweisen der deutschen Frau St. und der islamischen Familie A. „Er wollte unbedingt, dass ich seine Mentalität annehme, und da war noch vieles anderes, was mir nicht gepasst hat.” Nicht nur, dass Frau St. wie eine türkische Frau ein Kopftuch tragen sollte, sie stand auch finanziell nicht mehr auf eigenen Beinen. „In der Türkei haben ja die Männer das Geld. Und ich sollte dann plötzlich mein Geld meinem Mann geben, das lag mir einfach nicht. Ich war es gewohnt, mein Geld für mich zu haben, und nicht es jemanden zu geben, den man gerade erst geheiratet hat.” Zu dieser Zeit war Frau St. Hausfrau, da ihre jüngste Tochter noch ein Kleinkind war. Die Sprachbarriere war ein zusätzliches Problem. Frau St. sprach kein Türkisch und ihr Ehemann und auch dessen Brüder sprachen nur wenig Deutsch. Immer, wenn man ihr einen schrägen Blick zuwarf und dann lachte, kam es Frau St. in den Sinn: „Die reden über dich!” Kam es zu Schwierigkeiten mit der Ausländerbehörde, bei welcher sich Herr A. monatlich melden musste, dann wurden diese Frau St. angelastet.
Außerdem verlangte ihr Ehemann, dass sie zum Islam konvertieren sollte. Ihr wurden die Zusammenhänge und die Geschichte des Islams erläutert, aber das wollte sie nicht. Zwar reagierte Herr A. „sauer“ auf die Entscheidung seiner Frau, doch seine Familie tat diese nicht so einfach ab. Ihre Schwägerin, ebenfalls eine Deutsche, die den „totalen Glauben“ angenommen hatte, versuchte sie zu überreden, zum Islam überzuwechseln. Doch dieser Schritt ging Frau St. zu weit. „Auch wenn ich ihn gerne habe, muss ich das nicht machen.” Sie wurde mit dieser Einstellung zum Außenseiter, zum schwarzen Schaf der Familie. „Na ja, und dann kam der Terror von den Geschwistern. Die haben gedroht: Wenn du jetzt nicht unseren Glauben annimmst, dann müssen wir irgendetwas machen. Oder: Du musst aufpassen auf deine Kinder, dass ihnen nichts passiert. Na ja, und auf meine Kinder habe ich grundsätzlich nichts kommen lassen. Und da habe ich es lieber vorgezogen, eine sichere Zuflucht imFrauenhaus zu finden zu nehmen, als noch weiter drangsaliert zu werden.”
Da Frau St. keine Freunde hat, welche ihr helfend zur Seite standen und sie unterstützen hätten, verlässt sie 1998 ihren Ehemann und geht in ein Frauenhaus. Hier bleibt sie bis Ende 1999, bevor sie sich eine eigene Wohnung nimmt. Später sagt sie selbst: “Ich bin noch zu früh rausgegangen. Aber man hat den Drang, seine eigenen vier Wände zu haben. Aber das war dann doch nicht das Richtige.” Nach einigen Monaten kehrt sie zu ihrem Mann zurück, da sie ihm sein Versprechen, “dass er sich geändert habe”, glaubte. Doch die Differenzen gehen weiter und gipfeln in Morddrohungen ihres Mannes und weiteren ernstzunehmenden Drohungen gegen ihre Kinder. Deshalb zog Frau St. übergangsweise zu ihrer Mutter mit dem Hintergedanken: “Du gehst zu deiner Mutter, bleibst da ein paar Tage, und dann fährst du wieder zurück. Du bleibst, bis er sich wieder beruhigt hat. Aber dann hat er sich nicht beruhigt. Das wurde dann immer schlimmer.” Die Brüder ihres Mannes terrorisieren sie und ihre Mutter telefonisch: „Du Schlampe sollst nach Hause kommen! Wenn du jetzt nicht kommst, dann stechen wir dich ab. Wer weiß, was deinen Kindern dann passiert.” Da Frau St. Mutter herzkrank ist, wollte sie ihr diesen enormen Stress nicht länger zumuten. „Nein, dich da mit reinziehen, dass tue ich nicht. Da gehe ich lieber ins Frauenhaus.” Auch die Tatsache, dass ein Bruder ihres Ehemannes auf dem Schulhof ihres jüngsten Sohnes auftauchte und verlangte, den Jungen zu sehen, versetzte sie in Panik. „Man hat Angst um seine Kinder und denkt: Hoffentlich kannst du die morgen auch wieder zur Schule schicken. Nicht dass da wieder einer kommt.” In Absprache mit Frau St. unternahm die Schule deshalb Maßnahmen zum Schutz des Jungen. Jedem Fremden, der sich ab sofort nach ihrem Sohn erkundigte, wurde mitgeteilt, dass dieser nicht mehr auf der Schule sei.
Frau St. rief daraufhin die Polizei. Sie wurde im April 2001 in ein Frauenhaus in H. aufgenommen, in welchem sie ein dreiviertel Jahr blieb. Auch nach diesem Aufenthalt fällt ihr das Leben in den eigenen vier Wänden schwer. „Mir hat irgendwie der Zusammenhalt gefehlt. Im Frauenhaus konntest du dich unterhalten, wenn du Probleme hattest. Aber wenn du jetzt mit einem reden willst, dann ist keiner da. Und das fehlte mir. Wenn du eine Zeitlang im Frauenhaus gewesen bist, dann fehlt dir das. Wenn man Probleme hatte, konnte man sich immer an das Personal wenden. Die hatten immer ein offenes Ohr dafür. Und mit einem Mal war das nicht mehr da. Und da hatte ich mächtig dran zu knabbern. Deshalb komme ich heute noch her, um mit den Frauen im Frauenhaus zu sprechen.”
Frau St. lebt heute mit ihrer jüngsten Tochter, 6 Jahre alt, in einer Wohnung. Ihre fünf älteren Kinder haben bereits das Haus verlassen. Sie ist geschieden. Ihr jüngster Sohn, 10 Jahre alt, hat durch die Erfahrungen in seiner frühen Jugend sehr gelitten. „Er ist hyperaktiv. Er hat bereits durch meinen Lebensgefährten, bevor ich meinen zweiten Mann kannte, Gewalt kennen gelernt”. „Die Kleine hat noch nicht so viel mitgekriegt, aber er hat auch alle beiden Frauenhäuser miterlebt. Und das hat ihm den Rest gegeben. Er lebt jetzt im Heim. Ich gebe nur ungern ein Kind weg, aber das musste ich einfach tun. Das zu überwinden ist schwer.” Die ständigen Klagen von der Schule und auch der finanzielle Schaden, welchen ihr Sohn verursachte, konnte Frau St. nicht mehr ertragen. „Als Sozialhilfeempfänger kannst du da nicht viel machen.” Ihrer Familienhelferin vertraute Frau St. an: „Ich habe keine Kraft mehr.” Die Tatsache, dass ihr Sohn jetzt in einer Tagesgruppe ist, dessen Leiterin Frau St. auch regelmäßig trifft, um über ihren Sohn zu sprechen, hat diese zusätzliche Belastung für die Mutter etwas gemildert.
Auch die regelmäßigen Treffen zum Frauenfrühstück helfen. „Also, ich bin zufrieden, wenn ich hierher gehen kann. Hier kann ich mir auch mal Luft machen.” Inzwischen fand sie auch neue Freunde, auch wenn „man doch nicht so eine Bindung wie im Frauenhaus hat. Im Frauenhaus hast du gelebt, die kennen deine Situation. Es tut gut, wenn man sich ausspricht und auch weiß, hier bleibt es im Haus, und wird nicht in der Weltgeschichte herumgetragen.”
Für die Zukunft wünscht sich Frau St., dass der Kontakt zum Frauenhaus weiter bestehen bleibt und „ein Leben, in dem nicht alles schief läuft. Dass man auch mal Erfolge sieht.” Heute würde sie jeder Frau raten, sich bei physischer oder psychischer Gewalt an ein Frauenhaus zu wenden, da sie nur positive Erfahrungen in diesen Einrichtungen gesammelt hat, und ihr diese halfen, ihr Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen.
| Frau M., 34 Jahre alt, l | ein Sohn 5 Jahre alt, ein Sohn 1987 zur Adoption freigegeben |
Erwerbsunfähigkeitsrentnerin |
Als Frau M. 14 Jahre alt ist, ist ihr Stiefvater 21 Jahre alt. Sie verlässt das Elternhaus recht früh, weil der Stiefvater sie sexuell missbraucht.
„Als ich 11 Jahre alt war, ließen sich meine Eltern scheiden. Sie haben sich ständig gestritten. Weshalb, weiß ich nicht genau, allerdings hatte mein Vater oft andere Frauen. Eine brachte er einmal mit nach Hause. An meinen Vater habe ich keine gute Erinnerung, denn er schlug uns oft. Deshalb habe ich ihm damit gedroht, zur Polizei zu gehen. Da schlug er mich erst recht. Von meiner Oma weiß ich auch, dass er uns oft angelogen hat. Das hat uns Kinder sehr belastet, denn eigentlich waren wir auf unseren Vater stolz.
Wir Kinder, ich habe noch zwei ältere Brüder, wurden sehr ungerecht erzogen. Meine Eltern waren noch sehr jung und wussten wohl selbst noch nicht, was sie wollten. Als sie 19 oder 20 Jahre alt waren, kam mein Bruder zur Welt. Damals hat meine Mutter im Schichtdienst als Köchin gearbeitet, mein Vater war Berufssoldat.
Als ich 9 Jahre alt war, habe ich das Vertrauen zu meinen Eltern verloren. Ich erzählte ihnen, dass mich der Freund meines ältesten Bruders (14 Jahre war er) an Stellen meines Körpers berührt hat, obwohl ich das nicht wollte und mich wehrte. Meine Eltern haben mir nicht geglaubt und es bagatellisiert.
Bis zur vierten Klasse war ich eine gute Schülerin, dann verlor ich die Lust. Es war meinen Eltern auch egal, ob ich gut oder schlecht in der Schule war. Über gute Zensuren haben sie sich nie gefreut. Damals habe ich noch nicht soviel Verstand gehabt zu wissen, dass ich eigentlich für mich lerne.
Bis zu meinem 13. Lebensjahr war ich auch Bettnässerin.
Mein Vater hat 3 Monate nach der Scheidung wieder geheiratet.
Als ich 14 Jahre alt war, heiratete meine Mutter einen wesentlich jüngeren Mann, der auch Berufssoldat war. Sie ist 35, er 21 Jahre alt. Von ihm wurde ich über Jahre sexuell missbraucht. Meine Mutter muss das gewusst haben. Ich habe ihr nichts gesagt, denn ich konnte mir denken, dass sie mir nicht glaubt und mir auch noch die Schuld daran geben wird.
Das Leben wurde für mich unerträglich. Meist schloss ich mich in meinem Zimmer ein, wenn meine Mutter nicht zu Hause und ich allein mit meinem Stiefvater war. Zum Essen habe ich Augenblicke abgewartet, an denen ich unbemerkt in die Küche gelangen konnte. Ist mir das nicht gelungen, habe ich lieber gehungert.
Als ich 16 Jahre alt war, wurde mein Stiefvater versetzt und wir zogen in eine andere Stadt. Meine Mutter hat weiterhin nichts bemerkt, oder wollte nicht merken, dass es mir schlecht geht. Dafür war sie oft eifersüchtig auf mich. Ich habe versucht, sie bei Laune zu halten. Oftmals habe ich mich nach der Schule nicht nach Hause getraut. Ich hatte Angst vor meinem Stiefvater. Eine Lehrerin hatte ein Gespür für meine Not. Sie sprach mich an. Für mich war diese Frau die einzige Person, der ich mich anvertraute. Sie wollte mit mir sofort zur Polizei gehen. Ich habe mich nicht dazu entschließen können. Lieber bin ich von zu Hause weggelaufen, wenn mir der Stress zu groß wurde. Einmal war es Heiligabend.
Nach 11 Jahren Ehe verließ mein Stiefvater meine Mutter. Endlich hatte er eine andere gefunden.
Ich zog mit 17 Jahren zu meinem Freund und begann eine Lehre als Küchenhilfe. Diese brach ich ab. Aushilfsweise arbeitete ich als Kellnerin. Meinen Freund hatte ich kennen gelernt, als ich einmal weglief. Er war damals gerade aus dem Jugendwerkhof ausgebrochen und versprach mir, mich nach der Verbüßung seiner Zeit zu besuchen. Wir haben uns dann verlobt.
So war er nicht schlecht, aber er hatte auch oft andere Freundinnen. Irgendwann hat er auch wieder angefangen zu klauen, obwohl er es nicht nötig hatte, denn von seiner Oma, die in der damaligen Bundesrepublik Deutschland lebte, erhielten wir viel Unterstützung.
1987 wurde ich schwanger. Ich wollte eigentlich noch kein Kind, denn auf die Hilfe meiner Mutter brauchte ich nicht zu hoffen. Mein Verlobter wollte das Kind unbedingt. Als unser Kind 6 Monate alt war, wurde er verhaftet. Ich habe versucht, allein klar zu kommen. Morgens musste ich um 6 Uhr die Wohnung mit dem Kind verlassen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Abends war ich erst gegen 17.30 Uhr zu Hause.
Finanziell kam ich auch nicht klar. Von überall fühlte ich mich kritisch beobachtet. Von den Arbeitskollegen, von den Nachbarn, vom Jugendamt. Machte ich einen Fehler bzw. war ich unpünktlich hieß es gleich: „Na die ...“.
Nach einem halben Jahr hatte ich immer häufiger Selbstmordgedanken. In meiner Verzweiflung ging ich zum Jugendamt. Eigentlich wollte ich meinen Sohn nur vorübergehend in ein Heim geben. Durch mehrere Gespräche kam es dann zur Adoption. Noch heute fühle ich, dass ich überrumpelt und meine Situation ausgenutzt wurde. Zu meinem Verlobten habe ich jeden Kontakt abgebrochen. Er wurde zu vier Jahren Haft verurteilt.
1989 ging ich zurück in meine Heimatstadt. Zuerst suchte ich alte Freunde aus der Schulzeit auf, dann ging ich zu meinem Vater. Er ging mit mir zum Vorstellungsgespräch in seinen Betrieb und ich bekam eine Arbeit als Maschinistin im durchgehenden Schichtsystem. Eine Wohnung im Arbeiterwohnheim wurde mir ebenfalls zur Verfügung gestellt. Bis zum 01. 07.1990 arbeitete ich dort, dann wurde ich aufgrund der Wende und der damit verbundenen Rationalisierung arbeitslos. Während dieser Zeit lernte ich einen Mann kennen, der auch im selben Betrieb arbeitete. Bereits nach zwei Monaten fing er an, mich zu schlagen. Er war maßlos eifersüchtig, dabei hatte er keinen Grund, denn ich habe ihn sehr geliebt. Ständig versuchte ich, seinen Wünschen gerecht zu werden. Je mehr ich auf seine Wünsche einging, umso verrückter wurde er. Es ging soweit, dass ich keinen Kollegen grüßen durfte. Auch durfte ich nicht lachen, das reichte dann schon, dass er ausholte. Ich durfte mich auch nicht mehr hübsch machen. „Du bist nichts und du kannst nichts“, das hat er mir immer wieder gesagt. Einmal hat er mich beinah aus dem Fenster gestoßen, ein anderes Mal hätte er mich fast erwürgt. Die Polizei musste gerufen werden, als er mich vor einer Gaststätte zusammenschlug. Eine Anzeige habe ich nie gemacht. Nach zwei Jahren habe ich diese Beziehung beendet, weil ich Angst hatte, dass ich ihn sonst eines Tages umbringen würde.
Im Januar 1992 arbeitete ich hin und wieder als Kellnerin und lernte den Koch einer Gaststätte kennen. Wir haben viel gemeinsam unternommen, und er war auch wirklich nett zu mir. Ich war seine Prinzessin. Meinerseits kamen jedoch keine richtigen Gefühle für ihn auf. Ich langweilte mich mit ihm und vermisste in dieser Beziehung Herzklopfen und aufgeregt sein. Obwohl ich mit ihm über meine nicht vorhandenen Gefühle sprach, konnte ich bei ihm wohnen. Allerdings lernte ich bald einen anderen Mann kennen und zog zu diesem. Weshalb dieser Mann mir besser gefiel, weiß ich nicht. Dieser Mann war sehr zurückhaltend und ruhig. Ständig hat er gelächelt, aber „Stille Wasser sind tief und...“. In Wirklichkeit war es wohl Verklemmtheit. Seine Mutter servierte ihm sein Essen selbst noch dann mundgerecht, als ich bereits bei ihm wohnte. Sein Vater baute für uns im Elternhaus eine Wohnung aus.
Kurze Zeit nach meinem Einzug bei ihm beachtete er mich kaum noch. Ich war Luft für ihn. Wenn er wirklich mal den Mund aufmachte, dann beleidigte er mich und machte mich mit Worten klein. Wir unternahmen gemeinsam nichts mehr. Er kam von der Arbeit und kannte nur das Fernsehen.
Ich begann im September 1993 eine Lehre als Hotelfachfrau und zog ins Internat, weit weg von zu Hause. Nach drei Wochen kam er zu mir und holte mich ab. Er versprach mir, dass er sich geändert hätte. Das war natürlich nicht der Fall. Auf der Tagesordnung standen Beleidigungen und Drohungen seinerseits. Kurz bevor ich die Beziehung beendete, wurde ich schwanger. Eigentlich wollte ich das Kind nicht. Ich ging zu einer Beratungsstelle und kam zu denn Entschluss, das Kind zu behalten, zog bei ihm aus und wandte mich ans Frauenhaus. Dort blieb ich, bis ich im April 1994 eine Wohnung erhielt. Mit der Wohnung war ich jedoch überfordert.
Im Juni 1994 ist mein Sohn geboren. Zuerst fiel mir die Einsamkeit sehr schwer, denn mein Sohn musste erst einmal noch im Krankenhaus bleiben. Während dieser Zeit habe ich die Wohnung renoviert. Halbwegs habe ich das auch geschaff. Mein Vater stand mir völlig unerwartet zur Seite und half mir. Er unterstützte mich, wo er konnte. Oftmals war es mir zu viel. Eigentlich wollte ich das auch nicht, denn über alles, was ich selber schaffte, freute ich mich viel mehr. Scheinbar war es sein schlechtes Gewissen. Mir gegenüber hat er geäußert, dass er einiges wieder gut machen wollte.
Gefühle gegenüber meinem Vater empfinde ich nicht. Es ist einfach nur eine Person, die ich Vater nenne. Zu meiner Mutter habe ich keinen Kontakt, will ihn auch nicht.
Ich habe mir einen Freundeskreis aufgebaut und gehe zum Keramikzirkel. Eigentlich bin ich glücklich. Ich beschäftige mich viel mit meinem Sohn, den ich sehr liebe. Nur an meinen ersten Sohn muss ich oft denken. Mich befällt dann die Trauer. Ich würde gern die Adoption rückgängig machen. Es würde mich schon beruhigen, wenn ich wüsste, dass es ihm gut geht. Und dann ist da noch die Einsamkeit. Ich hätte gern eine richtige Familie, doch die Männer, die ich kennen lerne, sehe ich jetzt mit anderen Augen. Ich bin vorsichtiger und kritischer geworden.“
Frau M. erhielt 1997 eine Umschulung. Den Anforderungen hielt sie nicht lange stand. Sie fiel in eine Psychose, hörte Stimmen. Diese sagten ihr, dass alle Speisen und Getränke vergiftet wären. Deshalb gab sie ihrem Sohn nichts zu essen und aß selbst auch nichts.
Dem aufmerksamen Personal der Kita des Sohnes ist es zu verdanken, dass ihrem Sohn und ihr selbst rechtzeitig geholfen werden konnte.
Seit dieser Zeit erhält Frau M. Erwerbsunfähigkeitsrente aufgrund von Schizophrenie.
| Frau C., geboren 1962, 4 Kinder (davon 3 gemeinsame) | verheiratet, Scheidung eingereicht | Beruf: Krankenschwester, wegen der Kinder arbeitslos |
„Nach der Wende wurde mein Mann arbeitslos und fing an zu trinken. Unter Alkoholeinfluss nörgelte er an allem herum, so dass es stets Streitereien gab. Freunde und Bekannte kamen deshalb nicht mehr zu uns. Zuerst gab ich mir noch sehr viel Mühe, um ihn vom Trinken abzuhalten. Ich besorgte ihm sogar Arbeit. Zum Schluss war er allerdings zu faul, arbeiten zu gehen, vielmehr zog er das Trinken vor. Unser Familienleben bestand nur noch darin, dass ich allein die Kinder und meinen Mann versorgte. Für den Haushalt war ich sowieso allein zuständig. Anfangs hatte ich noch Hoffnungen und verfiel immer mehr darin, mir selbst und anderen eine nette Familie vorzugaukeln und bettelte meinen Mann, mit mir und den Kindern wenigstens am Wochenende spazieren zu gehen. Diese Spaziergänge endeten leider meistens an der ersten Imbissbude. Dort blieb er dann und trank.
Seinerseits kam es immer häufiger zu Gewalttätigkeiten mir gegenüber. Zuerst habe ich mich noch mit meiner Körperkraft oder mit Worten gewehrt. Irgendwann habe ich auf seine Wutausbrüche nicht mehr reagiert. Seine Schläge haben mir auch nichts mehr ausgemacht. Ich glaube sogar, ich habe sie gar nicht mehr gespürt. Aber das machte ihn erst recht rasend. Weil er keine Reaktion meinerseits erhielt, zerrte er dann die Kinder nachts aus dem Bett, die mit ihm feiern sollten. Er wusste, dass er meine Gefühle bis auf das äußerste strapazierte, wenn die Kinder weinten, denn dass er die Kinder miteinbezieht, konnte und wollte ich nicht zulassen. Spätestens jetzt stand für mich der Entschluss fest, ins Frauenhaus zu gehen, was ich auch tat.“
| Frau A., geboren 1960, 4 Kinder (davon 3 gemeinsame) | verheiratet, Scheidung eingereicht | Beruf: Hilfsschwester; z. Z. Reinigungskraft im Krankenhaus |
„Mein Mann hatte wie immer getrunken. Bereits in den frühen Abendstunden wollte er mit mir ins Bett gehen, obwohl die Kinder noch auf waren. Mir war aufgrund seiner ständigen Saufereien schon lange nicht mehr danach. Anfangs konnte ich das noch überspielen, oder ich tat es nicht ganz uneigennützig. Wenn ich ihn vollends befriedigt hatte, konnte er eine Zeit lang ganz nett zu mir sein und erfüllte mir einige Wünsche. Das ist schon lange her, und ich empfinde einfach nur noch Ekel. Hauptsächlich auch deshalb, weil er mich oft zum Sexualverkehr gezwungen (vergewaltigt) hat.
Als ich mich verweigerte, wurde er wütend und schrie: „Dann nehme ich eben deine Tochter.“ Das war seinerseits nicht nur einfach daher gesagt. Ich erkannte die Ernsthaftigkeit seiner Äußerung und rief die Polizei, die im letzten Moment das Schlimmste verhindern konnte.
Ich hatte immer gehofft, er würde sich mir gegenüber noch einmal ändern. Sicherlich hätte ich die Misshandlungen noch längere Zeit ertragen, aber das hätte er nicht tun dürfen.“
| Frau S., geboren 1978 | noch kein Kind, lebt in Partnerschaft | Lehre wegen des Partners abgebrochen, Sozialhilfeempfängerin |
„Ich hatte 1996 eine Fehlgeburt, sicherlich eine Folge davon, dass mein Partner seit meiner Schwangerschaft ständig auf meinen Bauch eingeprügelt und getreten hat. Im Krankenhaus habe ich das natürlich nicht gesagt.
Meinem Mann hat die „Sache“ auch sehr leid getan, denn immerhin war es auch sein Kind. Ich dachte, dass er nun seinen Denkzettel bekommen hat. Leider musste ich wiederum eine andere Erkenntnis machen. Jetzt bin ich im 6. Monat schwanger und habe Angst, dass es wiederum zu einer Fehlgeburt kommt, weil er mich ständig misshandelt. Ich habe für übermorgen eine Einweisung ins Krankenhaus, da Verdacht auf eine Frühgeburt besteht. Obwohl mein Mann das weiß, hat er mich auch gestern derart durch unsere Wohnung geschubst, dass ich wieder einmal hingefallen bin.“
| Frau H., geboren 1967, 2 Kinder | verheiratet, Scheidung eingereicht | Beruf: Textilfacharbeiterin, arbeitslos |
„Unser erstes Kind war bereits geboren, als ich erkannte, dass mein Mann weder lesen noch schreiben kann. Ich habe zwar immer den Schriftverkehr innerhalb unserer Familie geregelt und war für das Überweisen von Rechnungen verantwortlich, habe das aber als Selbstverständlichkeit, zur Entlastung meines Mannes, gesehen. Das war aber auch das einzige Gebiet innerhalb des Haushalts, was er nicht kontrollierte und mir völlig allein überließ. Ansonsten durfte ich nicht einmal einkaufen gehen. Er hatte Angst, ich gebe zuviel Geld aus. Ich musste ihm einen Einkaufszettel fertig machen (den er nicht lesen konnte), und bevor er losging, musste ich ihm nochmals alles vorlesen, weil ich (angeblich) eine Sauklaue habe. Wie er letztendlich im Supermarkt alles gefunden hat, kann ich mir nicht erklären.
Nachdem mir sein Handicap bekannt war, wurde er noch unausstehlicher und aggressiver. Oft hatte ich Angst, dass er mir irgendein Körperteil brechen würde. Weil er mit seiner Benachteiligung mir gegenüber nicht klar kam, war sein Handeln nur noch darauf ausgerichtet, mich zu erniedrigen und klein zu machen. Kurz vor meinem Weggang von ihm durfte ich nicht einmal mehr bei den Kindern im Zimmer schlafen, sondern musste, ohne mich zudecken zu dürfen, auf dem blanken Fußboden der Küche liegen. Hinlegen durfte ich mich aber erst dann, wenn er selbst schlafen ging.
Irgendwann habe ich gedacht, hier stimmt etwas nicht, und habe mich meiner Tante anvertraut, die mir dann bei der Flucht ins Frauenhaus geholfen hat.“
| Frau K, geboren 1968, zwei Kinder |
verheiratet |
Beruf: Abbruch der Lehre, z. Z. Umschülerin |
Frau K. wächst bis zum achten Lebensjahr in einer Familie mit zwei leiblichen Elternteilen auf. Sie hat eine Schwester, die vier Jahre jünger ist. Ihre Mutter ist Grundschullehrerin, ihr Vater Facharbeiter. Für Frau K. kam die Trennung der Eltern überraschend, trotz häufiger Streitigkeiten.
„Ich konnte bereits mit fünf Jahren lesen. Darauf waren meine Eltern stolz, besonders meine Mutter. Ich war in den unteren Klassen eine ausgezeichnete Schülerin. Dazu fühlte ich mich auch verpflichtet, denn meine Mutter arbeitete in der Schule, in die ich ging. In meiner Freizeit ging ich zur rhythmischen Sportgymnastik. Bei Meisterschaften errang ich einige Medaillen.
Meine Eltern stritten sich oft. Häufig deshalb, weil meine Mutter sehr pingelig war. Mein Vater hingegen nahm es nicht so genau. Ihn konnte so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Das brachte meine Mutter in Rage. Bei solchen Anlässen betrank er sich dann. Das brachte meine Mutter erst recht in Wut. Wenn sie mit Beschimpfungen nicht rechtzeitig aufhörte, dann fing mein Vater an, mit Gegenständen zu schmeißen. Es kam auch vor, dass einiges aus dem Fenster flog. Bei einem Streit hat er einmal unseren Fernsehapparat aus dem Fenster geschmissen. Hinterher saßen meine Eltern da und haben geheult.
Die Scheidung meiner Eltern kam für mich trotzdem plötzlich. Mir ging es sehr nahe, denn mein Vater zog von heute auf morgen aus. Er war es auch, der die Scheidung wollte. Mit uns Kindern hat mein Vater zwar nicht sehr viel gemacht, aber gemeckert bzw. streng war er auch nicht. Vielmehr hat er sich aus allem rausgehalten. Meine Mutter hat ständig saubergemacht. Tat sie das mal nicht, dann sah sie sich Modezeitschriften an.
Ich sah meinen Vater nach der Scheidung lange Zeit nicht wieder. Meine Mutter hatte danach mit sich selbst zu tun. Für sie zählten in erster Linie nur noch materielle Dinge: gute Kleidung, eine schöne Wohnung, ein Auto. Nach einem Jahr lernte sie einen Mann kennen, der bei uns einzog. Er war ebenfalls Lehrer. Ein weiteres Jahr später heirateten sie.
Mein Vater versuchte, das Umgangsrecht mit uns durchzusetzen, was ihm durch meine Mutter versagt wurde. Zusätzlich zwang die Mutter meine Schwester und mich, zum Vater zu gehen und ihm zu sagen, dass wir ihn als Vater nicht mehr wollten und jetzt einen neuen Vater hätten. Das war eine schlimme Situation für mich und meine Schwester.
Unser Stiefvater hingegen hatte und hat keine Beziehung zu uns, was nach meiner Meinung mehr von meiner Mutter herrührte. War er anwesend, mussten wir das Wohnzimmer verlassen. Unserer Mutter tat alles, um ihm das Zuhausesein so angenehm wie möglich zu gestalten. Trotzdem war das Verhältnis beider zueinander nicht harmonisch. Er war ein Eigenbrötler und machte eigentlich, was er wollte und hielt sich aus allem heraus. Es kam noch ein gemeinsames Kind zur Welt, das aber auch nichts an dieser kühlen Atmosphäre veränderte. Meine Schwester und ich hielten uns meistens in unserem Zimmer auf. Trotzdem wurde meine Schwester, als sie 14 Jahre alt war, ins Heim eingewiesen. Der Grund dafür war, dass sie heimlich an die Schränke gegangen war, um sich Esswaren bzw. Süßigkeiten herauszunehmen, obwohl unsere Mutter ihr das verbot. Die Mutter teilte ständig meiner Schwester die ihr geschenkten Süßigkeiten ein, weil sie angeblich zu dick war. Auch ich blieb von derartigen Erziehungsmethoden nicht verschont. Ich habe nur Glück gehabt, dass ich sehr gehorsam war, sonst hätte ich denselben Weg genommen.
Ich bin so früh wie möglich zu Hause ausgezogen und habe geheiratet. Meine Mutter mochte meinen Mann noch nie. Deshalb kam sie auch nicht zu Besuch zu uns.
Meine Mutter ist selbst mit ihrer jetzigen Ehe unzufrieden. Nach außen lässt sie sich allerdings nichts anmerken. Deshalb ist sie oftmals depressiv. Befriedigung findet sie im Kauf von materiellen Dingen. Für mich ist sie kaum Ansprechpartnerin. Trotzdem liebe ich sie irgendwie. Besuche bei meiner Mutter beschränke ich auf ein Minimum. Auch achte ich darauf, dass mein Stiefvater dann nicht zu Hause ist. Aber selbst dann habe ich das Gefühl, nicht gern gesehen zu sein, was mir sehr zu schaffen macht.
Meine schulischen Leistungen ließen nach der Scheidung erheblich nach, zum Ärger meiner Mutter. Nach Beendigung der 10. Klasse begann ich eine Lehre als Gärtnerin. Diese Lehre konnte ich aufgrund der Wende nicht beenden. Jetzt habe ich eine Umschulung zur Landschaftsgärtnerin begonnen.
Mein Mann war immer schon sehr abweisend. Ich glaube, dass er mich noch nie geliebt hatte. Er machte, was er wollte. Meist ging er angeln. Kurz nach unserer Heirat kam unsere Tochter auf die Welt. Ich dachte, das Verhältnis wird dann besser, was aber nicht geschah. Zwei Jahre später wurde dann unser Sohn geboren. Mein Mann hatte es weiterhin am liebsten, wenn ich ihm die Kinder vom Halse hielt. Sonntagsausflüge machte ich deshalb meist allein. Hübsch durfte ich mich dann aber nicht machen. Das duldete er nicht. Wenn wir wirklich zusammen weggingen, wagte ich es nicht, in seinem Beisein andere Männer anzusehen. Am liebsten hätte er es gesehen, wenn ich verschleiert mit einem Kopftuch umhergelaufen wäre.
Mein Mann hatte eine feste Bindung zu seiner Mutter, die ständig über sein Wohl wachte. Immer, wenn es Streit gab, ging er zu ihr. Sie wusste über alles Bescheid. Wir haben uns meist gestritten, weil ich mit den Kindern nicht allein weggehen wollte. Ich habe das einfach nicht eingesehen. Auch trank er zuviel Alkohol, deshalb kam es auch oft zum Streit. Ich hatte das Gefühl, dass er einfach noch nicht erwachsen war.
Die Auseinandersetzungen mit meinem Mann wurden immer heftiger, besonders wenn er getrunken hatte. Bei der ersten Ohrfeige hat er mich innerlich zutiefst verletzt. Ich hatte nicht nur einen Mann, der mich und die Kinder nicht liebte, sondern der mich auch noch schlug. Das machte mich so betroffen, dass ich Schutz bei meiner Mutter suchte. Da ich mit den Kindern nicht lange bei meiner Mutter bleiben konnte, ging ich wieder zurück.
Die Auseinandersetzungen wurden häufiger und gewalttätiger. Meiner Mutter wurde es schon lästig, mich und die Kinder jedes Mal aufzunehmen. Im Mai letzten Jahres redete sie mir zu, ins Frauenhaus zu gehen. Vielleicht machte sie das auch deshalb, dass mir eine solche Partnerschaft, wie die ihre, erspart bleiben sollte. Sie rief im Frauenhaus an und machte einen Treffpunkt aus. Ich sah die Notwendigkeit dazu ein.
Ich bin mit der festen Überzeugung ins Frauenhaus gegangen, mich von meinem Mann zu trennen. Er machte mich ständig mit Worten klein, machte mir deutlich, wie minderwertig ich sei. Am schlimmsten waren für mich allerdings die körperlichen Misshandlungen, die von Mal zu Mal brutaler wurden. Es war mir klar, so konnte ich nicht mehr leben. Allerdings hatte ich auch ständig das Bild meiner Mutter und meines Stiefvaters vor Augen, so wollte ich die Zukunft mit meinen Kindern nicht verbringen. Und ich wusste, das ist die einzige Möglichkeit, nicht so zu werden, wie meine Mutter.
Nach den ersten Tagen im Frauenhaus hielt ich es einfach nicht mehr aus. Ich musste wissen, ob sich mein Mann Sorgen und Gedanken um mich macht. Ich musste wissen, was er nach der Arbeit treibt. Ich wünschte mir sehr, dass er mich sucht. Tagsüber, wenn er zur Arbeit war, ging ich in die Wohnung. Es war aufgeräumt. Ich hinterließ einen Zettel mit der Postanschrift des Frauenhauses und hoffte, dass er sich meldet. Ich konnte kaum noch klare Gedanken fassen. Nachts konnte ich nicht schlafen. Viele Gespräche mit den Frauenhausmitarbeiterinnen habe ich geführt. Obwohl sie mir viel Hoffnung gaben, dass sich mein Mann irgendwann melden würde, um mich zurückzubekommen, blieb ich unruhig. Ich konnte es nicht länger im Frauenhaus aushalten und kündigte für den nächsten Tag meinen Auszug an. Abends ging es mir dann so schlecht (Schüttelfrost, Schreien), dass ein Notarzt gerufen werden musste. Leider zeigte dieser wenig Verständnis und konnte eigentlich mit meinem Zustand wenig anfangen. Entschuldigend für ihn war sicherlich nur die räumliche Enge, in der er mich mit den anderen Bewohnerinnen vorfand.
Eine entlastende und entspannende Situation trat am nächsten Tag für mich ein. Ein Brief meines Mannes war in der Post. Er bat mich um eine Verabredung, die er nutzen wollte, um mit mir über seine Fehler zu reden. Er schrieb, dass er mich liebe. Ich war überglücklich zu wissen, dass er mich zurück wollte. Für diese Verabredung nahm ich mir fest vor, ihn etwas zappeln zu lassen und nicht gleich zu ihm zurückzugehen.
Während unserer Verabredung war er sehr nett zu mir. Er machte mir wirklich gute Vorschläge für unser weiteres Zusammenleben. Auch versprach er, mit dem Trinken aufzuhören. Eigentlich sagte er mir alles das, was ich mir wünschte, von ihm zu hören. Es war ein wirklich schöner Nachmittag. Es fiel mir ausgesprochen schwer, nicht sofort mit ihm mitzugehen. Ich bat ihn um Bedenkzeit. In Wirklichkeit wusste ich aber schon, dass ich nach zwei Tagen zurückgehen werde, was ich dann auch tat.
Nach meiner Rückkehr bemühte er sich wirklich sehr um mich. Auch mit den Kindern beschäftigte er sich endlich einmal. Für mich habe ich versucht, einige Dinge zu realisieren. So hielt ich meinen Freundeskreis aufrecht, den ich mir während meines Frauenhausaufenthaltes aufgebaut hatte. Bestimmte Veranstaltungen besuchte ich allein mit Freundinnen. Mein Mann akzeptierte das auch. Eigentlich habe ich wirklich gedacht, dass es aufwärts geht.
Jetzt bin ich im sechsten Monat schwanger, dadurch unternehme ich selbst wieder weniger. Mein Mann hat mich nicht mehr geschlagen. Eifersüchtig ist er auch nicht mehr so sehr, doch irgendwie ist der alte Trott fast wieder vorhanden. Ich möchte, dass es wenigstens so bleibt. Inzwischen habe ich guten Kontakt zu meinem Vater. So richtig glücklich ist er wohl auch nicht. Mir gegenüber hat er geäußert, dass er eigentlich bei meiner Mutter hätte bleiben können, denn grundsätzlich anders ist seine jetzige Ehe auch nicht. Diese Äußerung bestärkt mich darin, mich einzusetzen, dass meine Ehe besser wird.“
Ü Frau R. telefoniert mit einer Bekannten. Sie erwähnt, dass ihr Mann sie …
Ü Ihr Mann zerstört das Telefon.
Ü Frau R. wird bei jedem Schritt kontrolliert. Sie hat kaum noch Kontakt zu Bekannten und verlässt die Wohnung nur noch selten.
Ü Ihre Bekannten sagen ihr, sie soll sich trennen.
Ü Frau R. flüchtet zu ihren Eltern, ihr Mann entschuldigt sich bei ihr. Sie fühlt sich schuldig, weil sie in ihrer Ehe nicht mehr klar kommt.
Ü Ihre Eltern sagen, sie soll ihm noch einmal eine Chance geben.
Ü Nach ein paar Wochen beginnt die Gewalt erneut. Ihr Mann schlägt sie so, dass Frau R. in ein Frauenhaus flüchtet. Sie weiß nicht, wo sie mit ihren Kindern sonst unterkommen kann.
Ü Dort erfährt sie u.a., dass sie nach dem neuen Gewaltschutzgesetz über eine zivilrechtliche Schutzanordnung ihren Mann aus der Wohnung weisen lassen könnte.
Ü Frau R. kann sich nicht dazu entschließen, gegen ihren Mann vorzugehen, weil sie auf ein "gutes Ende" hofft, auch wegen der Kinder.
Ü Sie kehrt nach Hause zurück. Er schenkt ihr Rosen.
Ü Die Gewalt wird aber immer schlimmer und häufiger. Frau R. hat deutliche Verletzungen im Gesicht und am Oberkörper.
Ü Sie verdeckt dies mit Make-up und sagt, sie sei gestürzt. Ihr Arzt fragt nicht weiter nach.
Ü Frau R. kann wegen der Verletzungen oft nicht arbeiten gehen. Sie hat Angst,ihre Arbeit zu verlieren. Ihr Arbeitgeber zeigt Verständnis.
Ü Trotzdem erhält sie eine Kündigung.
Ü Die Situation zu Hause wird unerträglich. Frau R. überlegt, ob sie doch die Scheidung einreichen soll. Als ihr Mann mitbekommt, dass sie sich trennen will, schlägt und würgt er sie so, dass sie um ihr Leben fürchtet.
Ü Aus Angst vor ihm geht sie nicht zur Polizei.
Ü Die Nachbarn rufen die Polizei, weil sie anhaltenden Lärm und Hilferufe aus der Wohnung von Frau R. hören.
Ü Die Polizei findet Frau R. mit blutender Nase und die Wohnung verwüstet vor. Frau R. steht unter Schock und kann kaum reden.
Ü Die Polizisten erteilen dem Täter einen 7-tägigen Platzverweis und er muss seinen Wohnungsschlüssel abgeben. Außerdem schreiben sie von Amts wegen eine Strafanzeige gegen Herrn R.
Ü Frau R. bekommt von der Polizei Informationen über die BISS (Beratungs- und Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt), deren Telefonnummer sie auch schon vom Frauenhaus erhalten hatte. Jetzt nimmt sie die Unterstützung an, als die Frau von der BISS sich bei ihr meldet. Nach einigen Beratungsgesprächen entscheidet sie sich endgültig für die Trennung. Trotz Unterstützung durch die BISS muss Frau R. nun vieles erledigen: Finanzen, Scheidung, Sorgerecht ...
Ü Eigentlich benötigt Frau R. jetzt dringend Ruhe.
Ü Auf Rat der BISS-Mitarbeiterin nimmt sich Frau R. eine Rechtsanwältin, beantragt Prozesskostenhilfe und stellt beim Familiengericht einen Antrag auf Wohnungszuweisung.
Ü Sie bekommt die Wohnung für 6 Monate zugewiesen.
Ü Herr R. lauert seiner Frau mehrfach auf, als sie die Kinder vom Kindergarten abholt und bedrängt sie, ihn wieder in die Wohnung aufzunehmen.
Ü Als er anfängt, sie zu bedrohen, beantragt Frau R. beim Familiengericht noch eine Schutzanordnung, die ihrem Mann die Näherung untersagt.
Ü Herr R. lauert ihr weiter auf und verstößt somit gegen die Schutzanordnung. Als er massiv droht und sie schubst, ruft Frau R. die Polizei.
Ü Die Polizei nimmt Herrn R. in Gewahrsam und schreibt eine Strafanzeige.
| Schauspieler, Autor und Dramaturg | Kontakt: E-Mail: Jochen.Senf@t-online.de |
Ich komme aus dem Saarland. Mit Freunden aus dem ,,Reich“ fahre ich dann schon mal nach Straßburg, oder nach Colmar, über Metz, vorbei an Hagenau. In Straßburg bewundern wir das Münster. Goethe war auch hier, und in Colmar stehen wir voller Ehrfurcht vor dem Isenheimer Altar. Die Freunde bestaunen die wunderschönen Fachwerkhäuser im elsässischen Obernai, und erst recht in Colmar. Auf der Rückfahrt essen wir in einem Restaurant an der Weinstraße, und abends gibt es noch einen Schoppen im saarländischen Saarlouis. Das alles ist Kultur, ganz herrlich, und die Freunde sagen: Einfach toll.
Metz und Hagenau, ebenso Saarlouis, sind urbane Kampfmaschinen. Diese Städte wurden konzipiert einzig aus Gründen des Krieges. Im 30-jährigen Krieg war Hagenau eine zentrale Festung. Tausende von Merianstichen bezeugen, dass über ganz Europa ein engmaschiges Netz solcher Kampfmaschinen geworfen und immer engmaschiger geflochten wurde. Europa erfuhr seine erste Vereinigung durch den Bau solcher Festungen, die in der Normierung ihrer Architektur alle identisch waren. In der Architektur des Krieges fand Europa seine erste gesamteuropäische Identität. Tausende von Künstlern, Denkern, Mathematikern, Architekten und Fürsten widmeten sich nur einem: Der Herstellung fein ziselierter, prächtiger Waffen. Es gibt mit äußerster Akribie hergestellte Waffenkataloge aus dem 17. Jahrhundert, in denen diese Waffen in der Sprache von Liebhabern gepriesen und vorgestellt werden. Neben den christlichen Motiven waren in der Malerei die der Waffen, der Schlachten die dominanten.
Ich zeige meinen Freunden aus dem „Reich“ die gigantischen Bunkeranlagen der Maginot-Linie im Elsass. Unterirdisch können wir dort Eisenbahn fahren. Ich zeige ihnen das Schlachtfeld von Verdun, wo innerhalb weniger Wochen Millionen verbluteten, verreckten und krepierten. Und das ganz marginal, weil, das wussten die Generäle, dieses gegenseitige Ausbluten im Kriegsganzen völlig unbedeutend war. Ein bedauerlicher Betriebsunfall, ein Versehen einiger weniger Generäle. Die Väter verramschten die Söhne. Die Region Saarlorlux umschreibt zuallererst eine Topographie des Krieges, der Kultur von Gewalt. Das gilt für fast alle Regionen in Europa.
Am Anfang von allem stand nicht das Wort, sondern Gewalt. Oft ist es schwierig, Gewalt als Gewalt, und als sonst nichts anderes, deutlich zu machen. Warum? Weil diese Kultur der Gewalt gar nicht als solche gesehen wird. Das ist das verblüffende. Obwohl unübersehbar präsent, in meterdicken Beton gegossen, gilt die Kultur der Gewalt nicht als kulturzugehörig. Sie wird verdrängt, abgespalten, oder aber verherrlicht, glorifiziert, erhöht ins Heldische, in Ehre und Vaterland, was ja auch nichts anderes ist als eine gigantische Verdrängungsmaschinerie. Derart verfeinert ist Gewalt dann wieder kulturfähig.
Aber was, zum Teufel, hat das alles mit häuslicher Gewalt zu tun? Viel, meine ich, sehr viel. Noch heute bleiben inzwischen schon etwas gealterte Damen in Saarbrücken auf der Straße stehen und sagen: „Sie sind doch der Sohn von dem Professor Senf, dem Herrn Minister?“ Ich bestätige. Die Äuglein der schon etwas gealterten Dame flitzen zwischen den Runzeln an mir rauf und runter. „Das war ja ein so schöner Mann, Ihr Vater! Federleicht, wie er tanzte, damals bei den Empfängen von Grandval auf dem Schloss Halberg!“ Ich erinnere mich. (Grandval war der Hohe Kommissar Frankreichs und er verwaltete das Saarland, vor der Wiedervereinigung mit dem „Reich“, wie ein leibeigenes Protektorat. Mein Vater war damals Minister. Ich sehe noch, wie der Schneider ihm seinen ersten Frack anpasste. „Ich bin jetzt Exzellenz“, sagte mein Vater. „Jawohl, Exzellenz“, sagte der den Frack anprobierende Schneider. Abends wurden dann meine Eltern, meine Mutter in glänzendem Abendkleid, in der Luxuskarosse „Chambord“ vom Chauffeur aufs Schloss Halberg chauffiert. „Keiner trug den Frack so wie er, er war ja so groß! So elegant! Mit Ihrer Frau Mutter an seiner Seite!“, sagt jetzt wieder die schon betagtere Dame und lässt wieder ihre Äuglein flitzen. Ich habe Jeans an, T-Shirt, abgewetzte Lederjacke. Ich bin nicht groß, tanze auch nicht federleicht und Exzellenz zu werden ist für mich auch nicht in Sicht.
Mein Vater war ein toller Hecht. Minister, Professor, eine weltweit anerkannte Fachkapazität der Finanzpolitik, Korrespondenzen mit Kennedy und Nixon. Bei uns zu Hause verkehrten Wirtschaftsgrößen. In der Figur meines Vaters wurde das Unvorstellbare für mich vorstellbar. Der schöne Glanz, die ,,Kultur“ kippte immer wieder um ins Gegenteil, ins Gewalttätige. Grenzen wurden gesprengt, neu zusammengefügt, um sofort wieder fragmentiert, verschoben oder gänzlich aufgehoben zu werden. Auf nichts war Verlass. Das einzig Verlässliche war das Unverlässliche, der unvorsehbare Angriff, die Attacke, die Demütigung. Es konnte jederzeit passieren. Zeit reihte sich aneinander wie Perlen an einer Perlenkette. Nur waren es keine Perlen, sondern Bomben, die jederzeit, das war die „Zeit“, hochgehen konnten.
Kurz nach Kriegsende wurde vor unserem Haus ein Pferd getötet. Das schrie furchtbar. Es war der gleiche Schrei, den ich später nachts wieder hörte. Ich war damals elf, zwölf Jahre alt. Ich sitze erstarrt im Bett. Dann gehe ich ins Schlafzimmer meiner Eltern. Meine Mutter liegt in einer Blutlache. Das Blut tropft durch die Matratze. Sie hatte nachmittags eine Abtreibung vornehmen lassen. Mein Vater hatte sie, völlig betrunken, gerade vergewaltigt. Ich hole einen Eimer und einen Putzlappen. Wische das Blut weg, helfe meiner Mutter, wechsle die Bettwäsche. Ich komme von der Schule nach Hause. Mein Vater schlägt einen meiner Brüder zusammen. Der war damals fünf. Dabei steht eine Frau mit einem etwa gleichaltrigen Mädchen wie mein Bruder. Mein Bruder und das Mädchen wurden von der Mutter beim „Doktorspielen“ ertappt. Die erste Erkundung nach dem anderen Geschlecht. Die Mutter voller Empörung. Mein Vater schlägt, tritt den kleinen Leib meines Bruders so lange, bis er ohnmächtig auf dem Boden liegt. Er blutet aus allen Öffnungen seines Körpers.
Sexuelle Übergriffe des Vaters auf das Hauspersonal dagegen wurden geduldet. Wurden nie geahndet. Wenn ein ‚Dienstmädchen’ plötzlich weg war, wusste ich, warum. Meine Mutter sagte ganz lapidar: „Er hat sie vergewaltigt.“ Das war es dann. Als wäre nichts gewesen. Die Bagatellisierung eines brutalen Vorgangs.
Mein Vater hat meinen jüngsten Bruder zum Krüppel gefahren. Querschnittsgelähmt. Vater und Sohn haben nie darüber geredet. Für die Versicherungssumme, die meinem Bruder zustand, hat sich mein Vater einen schnittigen Mercedes-Sportwagen gekauft. Als mein Bruder nach zwei Jahren aus dem Krankenhaus kam und ein Auto brauchte, war kein Geld da. „Der Krankenhausaufenthalt war so teuer.“ Mein Bruder brauchte das Auto wie ein Mensch seine Beine.
Ich weiß nicht, wie oft ich meinen Vater nachts aus Bordellen abgeholt habe. Ich erinnere mich an eine grandiose Schlägerei mit zwei Zuhältern zu Hause. Die Liste der alltäglichen Gemeinheiten war ohne Ende.
Das alles war Alltag. Das war kein Hin und Wieder. Nach dem Vorfall mit meinem Bruder, nach dem ‚Doktorspiel’ wurde mir klar, ich musste die Sache entscheiden. Entweder, ich gehe unter, oder ich wehre mich und überlebe. Ich wartete nur auf den Zeitpunkt, auf die Kraft, es mit „ihm“ aufnehmen zu können. Es war so etwas wie im Gehirn gespeicherte Langzeitrache. Irgendwann bist du dran.
Diese täglich erlebte Gewalt, diese ständige Angst, die immer da war, auch, wenn nichts passierte, hinterlässt Spuren. Man wird sich selbst immer weniger wert. Es ist ein Prozess der Verblödung. Sich dumm stellen, um bloß nicht aufzufallen. Möglichst nur in unfertigen, bruchstückhaften Sätzen sprechen. Ein entsetzliches Zucken, das ich nicht bezwingen konnte, tickte in meinem Gesicht. Als wollte das Gesicht wegfliegen von diesem fürchterlichen Ort. Begleitet von Panikattacken. Das Schlimmste: Keiner sieht das Unübersehbare. Die Welt rückt unerreichbar in die Ferne. Oder man selbst? Oder wie, oder was? Es ist ein Zustand, als klopften Landvermesser in völlig unterschiedlichen Rhythmen zur gleichen Zeit in unterschiedlichen Entfernungen Grenzpfähle in die Erde, um sie, kaum sind sie festgeklopft, wieder herauszureißen. Es gab keine Chance, feste Grenzen zu fixieren. Die Folge ist zunehmende Desorientierung, eine innere Verwahrlosung und Verschüchterung, gegen die ich machtlos war. Der eigene Unwert überwog irgendwann den Wert. Was sonst verdient man, als Wertloser, wenn nicht das, was einem geschieht? Das völlig irre daran ist, dass ich, um den letzten Rest eines Bildes vom liebevollen Vater zu retten, in meiner Unwertigkeit den Grund alles Übels sah.
Nichts mehr will klappen. Die Schule ein Alptraum. Ich bin gar nicht mehr hin. Ich verwahrloste. Auch äußerlich. Meine Mutter war in dieser Zeit nicht zu Hause. Sie war mit einem schweren Augenleiden ein paar Jahre in der Schweiz.
Ich kam mir irgendwann selbst vor wie ein geschrumpelter Zwerg, wie eine gedörrte Backpflaume. Die eigene Haut eine Unendlichkeit, in der ich zwergenhaft saß wie in einer zu groß geratenen Kugel, mit zerfransten Rändern. Ich drohte den Kontakt zur Welt außerhalb dieser Kugel zu verlieren, und das war die schlimmste Erfahrung, auch die Verbindung zu meinen Gefühlen. Im Rückblick würde ich sagen, ich habe sie auf Reisen geschickt, in der Hoffnung, sie irgendwann, unter besseren Bedingungen, wieder zu finden und aufzusammeln.
Dann ist es passiert. Mein Vater attackierte mich mal wieder, und ich habe ihn krankenhausreif geschlagen. Es war pure Mechanik. Ich stand neben mir und meine Arme sausten auf ihn nieder wie Dreschflegel, bis der Mann blutüberströmt die Wand runter rutschte. Dann habe ich das Haus verlassen. Ein Arzt sagte, der Mann habe knapp überlebt.
Ich habe mich das oft gefragt, aber ich habe diese Tätlichkeit nie bereut. Mein Vater und ich, wir waren quitt. Es gibt ein Entsetzen in mir darüber, aber ich habe keine Schuldgefühle. Jahre später erst habe ich Camus gelesen: ,Der Mensch in der Revolte‘. Ich kann den Thesen Camus‘ nur zustimmen. Ab einem bestimmten Punkt, sozusagen mit dem letzten Zipfel der eigenen Existenz in der Hand, geht es nicht mehr ohne Revolte. Entweder - oder. Für mich war das zu diesem Zeitpunkt der einzig mögliche Befreiungsschlag. Ich habe mir ein Stück meiner Würde zurückgeholt.
Jetzt hatte mein Vater ein Problem am Hals. Wir haben über diesen Vorfall nie gesprochen. Vom Sohn zum Vater und umgekehrt. Das war auch nie seine Intention. Aus seiner Perspektive hatte ich mit Gewalt die Machtfrage gestellt. Das war sein Problem. Gewalt und Macht hingen für ihn eng zusammen. Ohne Gewalt keine Macht, so simpel war das. Es ging ihm einzig um seinen Status als Institution, als Professor, als Minister, als Autorität. Ihn ängstigte der Prestigeverlust. Wie sollte er der Öffentlichkeit seine Zerschundenheit erklären? Er verfiel auf die böse Treppe. Ein Rutsch, ein Stolpern, das Dienstmädchen hatte beim Blumengießen Wasser verspritzt, und schon sauste er die rutschige Treppe runter. Mann, war das ein Schlag! Wir wohnten damals auf dem Campus der Universität des Saarlandes. Ganz ernsthaft diskutierten die in der Nachbarschaft wohnenden Kollegen meines Vaters diese böse Treppe. Jeder wusste ganz genau, was wirklich geschehen war, aber diskutiert wurde diese Treppe. Es war die solidarische Front des Wegsehens unter z.T. hochberühmten Fachgelehrten, das stumme Einverständnis des Geschehenlassens, und wenn es noch so gemein und brutal war, was geschah. Das Ansehen der Institution ‚Professor’ war wichtiger als geschundene Körper und Seelen der Restfamilie. Nichts geht über das Prestige, das öffentliche Ansehen, die Autorität. Ein deutscher Professor schlägt nicht. Basta! Ein Nachbar, ein latent nobelpreisverdächtiger Nationalökonom, ein Fass von drei Zentnern, ein unbeschreiblicher Choleriker, der Nacht für Nacht seine Frau und seine sieben Kinder grün und blau schlug, kam eigens diese Treppe besichtigen. Es war grotesk, wie dieser schnaufende und keuchende Fettwanst die Treppe erklomm und begutachtete, wissend, dass es diesen Treppensturz nie gegeben hatte. Als wollte er seine eigene Niederträchtigkeit mit und auf dieser Treppe auflösen. Eine seiner Töchter hat vor wenigen Jahren ihren Mann nachts im Bett mit 27 Messerstichen versucht abzuschlachten. Einen Gemütsmenschen, der überlebte und seiner Frau durch die Krise half. Die Mutter landete in der Psychiatrie. Die übrigen Geschwister sind nicht unbedingt lebenstüchtig. Dieser Nationalökonom aber galt als beliebt und lebensfroh. Als bei seiner Frau die psychotischen Schübe einsetzten, hat er sich von ihr scheiden lassen und eine junge geheiratet. Natürlich wurde die Familie enterbt, damit die junge Frau nach seinem Tode ihr standesgemäßes Auskommen habe. Prost Mahlzeit.
Irgendwann einmal nachts, viele Jahre später, hörte ich in der Nachbarschaft das laute Schreien einer Frau, das nicht aufhören wollte. Ich fand die Haustür, hinter der das Geschrei war. Durch das Fensterchen der Haustür schaute ich in den Hausflur. Ein Mann prügelte eine Frau die Treppe im Vestibül herunter. Ich klingelte. Vergebens. Ich trat die Tür ein. Der Mann, ein praktizierender Arzt, sagte, ganz kühl sagte er das: „Keine Sorge, die Nachbarschaft hat sich an das Gebrüll gewöhnt.“ Mir hatte es die Sprache verschlagen. Zwei Polizisten kamen, die meine Freundin gerufen hatte. Viel machen konnten sie nicht. Keiner von uns. Ein Gewaltschutzgesetz gab es noch nicht.
Um was geht es? Es geht schlicht und einfach darum, dass viele gewalttätige Männer überhaupt kein Verhältnis zu ihrer Gewalt haben. Die Diskrepanz zwischen Tat und dem Bewusstsein der Tat ist bei vielen gewalttätigen Männern, denen ich begegnet bin, darunter etliche Sexualstraftäter, die ich über zwei Jahre in der Strafanstalt Lerchesfiur in Saarbrücken interviewte, ausgesprochen diametral. Da ist nichts. So einfach ist das und banal. Ich habe nie auch nur ein Wort des Bedauerns meines Vaters gehört. Ich weiß, dass er immense Probleme hatte. Er war ein sehr einsamer Mensch. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, jemals von ihm auch nur einen Hauch Wärme bekommen zu haben. Das ist doch furchtbar. Für ihn, vor allen Dingen. Diese Kälte. Trotzdem. Das entschuldigt gar nichts.
Ohne diese Beobachtung zu generalisieren, habe ich es immer wieder erlebt, dass gerade im Beruf sehr erfolgreiche Männer emotional merkwürdig unentwickelt waren, geradezu infantil strukturiert, beseelt von dem narzisstischen Bedürfnis, immer Mittelpunkt zu sein. „Ich bin die Eiche, um die sich alles rankt“, brachte es ein Onkel von mir auf den Punkt. Ein ehemaliger hoher SS-Offizier, Kommandant auf dem Obersalzberg, der nie auch nur im Ansatz irgendetwas vom Elend seiner Zeit begriffen hatte.
Wie soll man mit solchen Männern umgehen? Mit der größtmöglichen konfrontativen Härte. „Du ganz allein bist für dich verantwortlich!“ Keine Mami, keine Omi, niemand. Viele Männer leben in der Vorstellung, in ewiger Sohnschaft mit ihren Frauen leben zu dürfen. Wobei ich mir die Bemerkung, warum Frauen sich immer wieder Dauersöhne aussuchen, nicht verkneifen kann. Pubertierende Söhne haben den Hang zu randalieren. Ich kann durchaus für einen Mann, aus vielen Gründen, aus Gründen seiner vielleicht auch leidvollen Biographie, Verständnis haben. Nein! Erst mal kein Verständnis. Härte! Bohrende Fragen: Warum tust DU das? DU hast es getan! DU! Wie geht ‘s DIR dabei? Geht es dir GUT dabei? Wie, glaubst DU, geht es der Frau, die DU erst vergewaltigt und der DU dann den Unterkiefer weggeschossen hast? Ich saß solchen Männern gegenüber. Man sollte sich hüten, diese Männer moralisch zu verurteilen. Das alles hat nichts mit Moral zu tun. Es hat mit Bewusstsein zu tun. Für das, was ich tue und wofür ich verantwortlich bin. Eine moralische Verurteilung dient nur der eigenen Selbsterleichterung. Nützen tut es gar nichts. Ich will, dass der Kerl kapiert, was er getan hat und mich endlich in Ruhe lässt.
Man soll an die Öffentlichkeit gehen. Man soll sagen, was los ist. Das ist der Grund, warum ich diesen Bericht schreibe. Wichtig sind Zeugen, die bezeugen können, dass das alles kein Traum war, keine Einbildung, keine Phantasie eines einzelnen kranken Gehirns. Nein! Mir ist das alles passiert! Und anderen auch! Also reden wir darüber! Zum Machterhalt gehört ja gerade der Trick, die Gewalt des Machtinhabers im Opfer zu individualisieren, zu isolieren, um das Opfer so auszugrenzen. Ausgegrenzte Menschen reden nicht, zumindest nicht so rasch. Die nicht willfährige Sekretärin ist dann eine verklemmte Kuh, die aber Angst hat, ihren Job zu verlieren. Der Sohn, mehrmals sitzen geblieben, ist dumm und faul, da hilft die beste Prügel nichts, ein hoffnungsloser Fall. Die Ehefrau, die verheult herumläuft, ist völlig lebensuntüchtig. „Was wärst du denn ohne mich? Gar nichts!“ Das alles rührt den Gewalttäter nicht. Das ist ja das Problem. Was ist da schief gelaufen?
Es gibt ja so etwas wie die Liebesfalle. Ein Sohn will von seinem Vater geliebt werden, anerkannt werden, ein Stück des Weges ins Leben begleitet, beschützt werden. Man hofft ja bis zur Selbstaufgabe, dass alles nur eine Täuschung ist! Nur, um diese Liebe nicht zu verlieren! Das ist die Liebesfalle. Ich kenne hochgebildete Männer, die unter ihren Vätern gelitten haben und die sich aus Verzweiflung, die Vaterliebe zu verlieren, mit diesen Vätern vollständig identifizieren unter Verzicht auf die Herausbildung einer eigenen Identität. Sie geraten unter einen wahnsinnigen Leistungsdruck. Sie müssen immer besser sein als die hochgebildeten Väter, einmal, um dem tollen Vater und seinen Anforderungen zu genügen, zum andern, um das in sich hereingenommene Bild des Vaters immer wieder zu retten. Schmerzverleugnung über Leistung ohne eigene, sondern mit vom Vater geliehener Identität. Das ist schon der Hammer.
Männer müssen reden lernen. Es ist nicht unmännlich und man ist kein Weichei, wenn man darüber redet, was einem so passiert ist. Im Gegenteil. Reden verlangt mehr Mut, statt sich eine Betonschicht nach der anderen um die Schultern zu hängen.
Zum Schluss ein Wort zur Mutter. Irgendwo muss die ja in dem ganzen Chaos gewesen sein. Nur so viel: Meine Mutter war keine Schutzheilige. Sie war einerseits die getreue Komplizin ihres Mannes, die nie eingriff, wenn es gegen die Kinder ging, gleichzeitig war sie selbst oft genug Objekt von Gewalthandlungen ihres Mannes. Andererseits machte sie ihre Söhne, insbesondere mich als den Ältesten, zu einer Art Gattensubstitut. Ich musste vieles ersetzen, was Sache ihres Mannes gewesen wäre. Sie funktionalisierte in mir die Aggressionen, die sie gegen meinen Vater hegte und nicht gegen ihn auslebte. Aber das ist ein anderes Kapitel. Kein gewaltfreies, aber an dieser Stelle fehl am Platze.
In diesem Bericht ging es ausschließlich sozusagen von Mann zu Mann. Es ging um Gewaltkultur, ihrer Präsenz und Spiegelung in häuslicher Gewalt und ihrer gleichzeitigen Verleugnung. Dieses betonartige Verleugnen ist in der Tat vor allen Dingen Männersache. Hier liegt für meine Begriffe, nach meinen Erfahrungen der Knackpunkt.
Jochen Senf
[1] Grundlage für die Fallbeispiele sind Aufzeichnungen von Frauenhausmitarbeiterinnen bzw. eigene Interviews mit betroffenen Frauen. Die Frauen haben ihre Einwilligung zur Veröffentlichung gegeben. Die ausgewählten Beispiele wurden so verfremdet, dass keine Rückschlüsse auf die betroffenen Personen möglich sind.
[2] Dieses Beispiel wurde den Arbeitshilfen für die interdisziplinäre Intervention, einem Material zur häuslichen Gewalt des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit entnommen. (Seite 108f)
[3] Dieser Text ist dem Heft 1/2002 des Berliner Forums für Gewaltprävention entnommen. Herausgeber: Landeskommission Berlin gegen Gewalt. (Seite 41ff)